FR-online, November 2008

Totensonntag
Was wir wünschen

VON SUSANNE SCHMIDT-LÜER

Früher war der Tod eine Sache der Frauen. Hebammen holten nicht nur die Kinder ins Leben sie begleiteten auch Alte und Kranke beim Sterben, wissend um das Mysterium von Geburt und Tod. "Erst um die Jahrhundertwende änderte sich das, viele Schreiner wurden Bestatter, machten Särge nebenher ", sagt Nikolette Scheidler.

Im Bewusstsein der Tradition gründeten die Ökonomin Scheidler und die Krankenhausseelsorgerin Sabine Kistner im Frühjahr 2006 das erste Bestattungsinstitut in der Stadt, das eine weibliche Kultur des Umgangs mit dem Sterben pflegt. Im Wissen, wie kostbar und unwiederbringlich die Momente des Abschiednehmens sind, ließen sie sich leiten "von dem, was wir uns selber wünschen". Sie hatten erfahren, wie es ist, wenn der Verstorbene plötzlich weg ist. Keine Zeit mehr, ihn zu berühren, anzufassen, zu waschen, zu bekleiden, bei ihm zu sitzen. Unwiderruflich fort, in der Pathologie des Krankenhauses, im Kühlraum des Friedhofes, unberührbar. Für immer.

Kistner und Scheidler möchten den Abschied entschleunigen: "Die ersten Tage sind so wichtig, die letzten Blicke, den letzten Abschied darf man nicht vorenthalten." Immer mehr Kliniken ermöglichen dies, im Nordwest-Krankenhaus gibt es zum Beispiel einen Abschiedsraum.

Die beiden Bestatterinnen bieten an, den Toten gemeinsam mit den Hinterbliebenen aus dem Krankenhaus abzuholen. Sie haben eine eigene Kühlung im Haus, ermöglichen es den Angehörigen, im Abschiedsraum Nachtwachen zu halten, "dabei ihren Tee zu trinken, Musik zu hören". Nikolette Scheidler ist überzeugt, dass man dem Toten während dieser Zeit sogar "noch sagen kann, was noch gesagt werden muss". Denn "sie strahlen noch, die Seele ist noch da. Sie haben meist einen ganz friedlichen Gesichtsausdruck."

Ein Handtuch unter dem Kinn, damit der Mund nicht offensteht - mehr verändern die Bestatterinnen nicht. Etwas "zunähen oder zukleben, das machen wir auf keinen Fall". Nur einer jungen Frau haben sie mal auf Bitten ihres Mannes die Lippen geschminkt, weil er sie so kannte. "Man muss den Tod auch sehen", sagt Nikolette Scheidler, "das gehört zum Tod begreifen dazu".

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